Chapter 3

 

Zwei Tage waren seit meiner unheimlichen Begegnung der strangen Art vergangen. Leichen hat man – wen wundert’s – keine gefunden. Doch um sämtliche Spuren zu verwischen, hätten die Bösen schon den ganzen Wald umgraben müssen. Für Don und sein Team stand außer Zweifel, dass meine Beobachtungen keinem Kiffer-Traum entsprungen waren. Jetzt sitz ich hier in einem sicheren Versteck. Aber nicht das Ihr glaubt, das wär so ein Kakerlaken verseuchtes Loch. Nö, ganz im Gegenteil. Die Bude ist super, besser als mein altes Apartment. Nur soviel Mitbewohner hatte ich noch nie. Ich kenn jetzt alle aus Don’s Team. Sie wechseln sich beim Andyschen Babysitting ab. Megan ist total nett. Mit ihr könnt ich mir so ne richtige Frauenfreundschaft vorstellen. David ist auch so ein Schnuckel. Beinahe könnte man meinen Don nimmt nur Modeltypen in sein Team.

 

Meine Mom haben sie zusammen mit Oma in einem anderen Teil der Stadt untergebracht. Der arme Colby hatte die zweifelhafte Freude Omi aus dem Altenheim zu holen. Omi hatte vorige Woche Geburtstag und als Colby aufgetaucht ist, dachte sie doch glatt, ich hätte ihr nen Stripper als verspätetes Burzeltagsgeschenk geschickt. Mann, muss das peinlich gewesen sein, als die weiblichen Insassen von St. Mary anfingen im Chor, „ausziehen, ausziehen, ausziehen!“ zu brüllen. Aber Colby hat’s glaub ich mit Humor genommen und gemeint, er kommt nächste Weihnachten als „Mitternachtseinlage“ im Weihnachtsmannkostüm vorbei. Bin schon gespannt, wie viele Ladies sich das Datum rot im Kalender markiert haben. Zum Glück haben die meisten von Ihnen Demenz oder Alzheimer. Omi meint ja auch, sie wäre Teil eines Hollywoodfilms und findet alles furchtbar aufregend.

 

Um ein Bild von den Kerlen zu bekommen, haben sie mir einen Zeichner an die Seite gestellt. Der kann das echt gut. Ich hab mir schon überlegt, wenn das hier alles vorbei ist, ihn zu fragen, ob er nicht nen Akt von mir zeichnen will, den könnt ich Don dann zu Weihnachten schenken. Aber dann denk ich mir, das wär wohl doch zu aufdringlich. Oder? Jedenfalls bin ich heut irgendwie in ner komischen Stimmung. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich dringend nen Joint bräuchte. Am liebsten würd ich mit dem Kopf gegen Wand laufen. Außer nem mordsmäßigen Brummschädel würde mir das jedoch nichts einbringen. Also nehm ich mir noch ne Diet Coke aus dem Kühlschrank. Der Zeichner ist gerade weg. Beim FBI werden sie die Zeichnungen mit der bestehenden bösen Buben Datenbank abgleichen und wenn ich Glück hab, knack ich heut noch den Jackpot.

 

Ich nehm einen Schluck aus der Dose. Was gäb ich dafür ne Runde um den Block zu gehen. Leider ist das nicht drinnen, wenn ich nicht Gefahr laufen will, mir ein Loch in der Stirn einzufangen. Mal ehrlich, denk auch, dass mir das nicht unbedingt stehen würde. Wär ja nicht gerade ein indisches Bindie. Die sind winzig, im Vergleich zu nem Loch aus ner 45er oder so. Die Tür geht auf und Colby kommt rein. Er hat ne braune Einkaufstüte mitgebracht und zwei Latte Macciato von Starbucks. Die Diet Coke wird wieder in den Kühlschrank verbannt.

 

„Kann es sein, dass ihr nen Vertrag mit den Russen habt? Der da lautet, mich so lange zu füttern, bis ich platze?“ feixe ich und schenk ihm ein breites Grinsen, „das wär doch mal was neues.“

 

Colby stellt die Tüte auf den Küchentisch und packt die Sachen in den Kühlschrank. Nachdem er fertig ist, schnappt er sich nen Kaffee und nen Donut aus der Schachtel uns setzt sich ins Wohnzimmer.

 

„Ehrlich gesagt Andy hab ich keine Lust dich, in welcher Form auch immer, von der Wand zu kratzen. Du scheinst mir so zäh wie Kaugummi an der Schuhsohle zu sein.“

 

Ich setz mich in den Fauteuil neben ihm und versinke darin beinahe bis über beide Ohren.

 

Er nimmt einen Biss und schwupps, der halbe Donut ist dahin. Schmatzend spricht er weiter, „nach allem, was wir bisher über dich in Erfahrung gebracht haben, ist es für mich sonnenklar, dass es nur eine Frage der Zeit war, bist du in Schwierigkeiten kommst.“

 

Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu, „soso, nach allem, was ihr über mich in Erfahrung gebracht habt … Ihr habt mich durchleuchtet?“

 

Er schiebt sich den restlichen Donut in den Mund und spült ihn mit einen großen Schluck Kaffee hinunter. Danach wischt er sich mit dem Ärmel seiner Jacke über den Mund.

 

„Schon mal was von ner Serviette gehört?“ murmel ich und ernte ein gönnerhaftes Grinsen von ihm.

 

Er stellt den Pappbecher auf den Couchtisch, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen, „es war nicht notwendig, dich extra zu durchleuchten. Wer sich illegal an diversen Netzwerken zu schaffen macht, macht sich damit bestimmt keine Freunde und irgendwann wird auch das FBI hellhörig.“

 

„Ach so das“, tu ich ganz leger, so als hätt ich mit Pokemon Bildchen an ner High School gedealt, „schon mal darüber nachgedacht, dass es manche Firmen gar nicht anders verdienen? Durch meine Aktionen hab ich immerhin schon geholfen illegale Geschäfte aufzudecken.“

 

„Ein Wunder, dass man dir nicht schon früher ne Zielscheibe auf den Rücken gemalt hat“, meint er trocken.

 

1:0 für Colby, darüber hab ich mich selbst schon desöfteren gewundert.

 

Da ich ihm aber nicht wissen lassen will, dass er recht hat, mach ich einen auf beleidigt und zieh ne Schnute, „für wie doof hältst du mich eigentlich?“

 

Er zuckt die Schultern, „kein Kommentar. Jedenfalls scheinst du zu jenen Frauen zu gehören, die manche Männer nicht einmal mit ner Kneifzange anfassen würden.“

 

„WOW, woher stammen denn deine Erkenntnisse über die Untiefen der weiblichen Seele?“ schnappe ich, „aus dem Playboy?“

 

Seine Gesichtsmuskeln beginnen plötzlich seltsam zu zucken, „Andy, komm schon, merkst du nicht, dass ich dich auf der Schippe habe?“ platzt es plötzlich aus ihm heraus und er kringelt sich vor Lachen.

 

Okay, ich versuch Haltung zu bewahren, ein erbärmlicher Anblick.

 

„Megan hat mir erzählt, dass du ziemlich mies drauf bist“, presst er mühsam hervor, „ich dachte es könnte nicht schaden …“

 

„Die gute alte Andy ein wenig auf die Palme zu bringen“, pruste ich los und werfe mich mit Gebrüll auf ihn.

 

Wir balgen uns wie zwei kleine Kinder. Irgendwie fallen wir dabei recht unsanft auf den Boden, egal, ich find Colby hat ne Abreibung verdient. Aber was nutzt es, wenn der Geist willig ist und das Fleisch schwach. Das mein ich jetzt bitte auch so. Natürlich hab ich gegen so einen Mordskerl wie Colby keine Chance. Der hat während seiner Zeit in Afghanistan wahrscheinlich kleine Kinder zum Frühstück verspeist. Immerhin ist er so edel und lässt mir wenigstens den Hauch einer Chance. Aber kaum glaub ich mich auf der sicheren Seite, ZACK.

 

Grad komm ich irgendwie kuschelig auf Colby zu liegen.

 

„Kann mir mal einer erklären, was um Himmels Willen ihr da treibt?“ tönt es plötzlich durchs Apartment.

 

Mein Schädel fährt in die Höhe. Ein ohrenbetäubender Knall folgt.

 

Ein Sternenmeer explodiert vor meinem inneren Auge, ich denk nur noch, „WOW, wie geil ist das denn?“ und verabschiede mich.

 

Oh Gott, mein Schädel dröhnt, als gäben Rammstein da drinnen grad nen Gig. Meine Augenlider sind schwer wie Blei und als ich sie endlich offen hab, sehe ich alles doppelt. Auch cool Don und Colby mal zwei, ne prima Sache, würde sich dabei nicht gleichzeitig alles anfangen zu drehen und mein Magen Purzelbäume schlagen. Ich versuch aufzustehen. Doch der gute Don sitzt neben mir auf der Couch und drückt mich sanft ins Kissen zurück.

 

„Schön langsam Andy. Du warst ein paar Minuten weg“, seine Stimme klingt alles andere als erfreut.

 

Sorry Don, aber ich MUSS JETZT DRINGEND MAL … leider bring ich nur ein unverständliches Brabbeln über die Lippen. Hab wohl nen gröberen Schaden im Sprachzentrum erlitten. Colby steht hinter mir und erkennt den Ernst der Situation. Er versucht Don noch zu warnen, doch … zu spät.

 

Da geht er hin, mein Latte Macciato. Farblich hat er sich gar nicht so verändert, denk ich noch, dann … Dons Gesichtsausdruck nach zu urteilen, würde er mich jetzt am liebsten erwürgen. Hinter mir hör ich nur ein undeutliches Glucksen, hört sich fast so an, als hätte Colby nen epileptischen Anfall. In Wirklichkeit schüttelt der sich vor Lachen und flüchtet vor den vernichtenden Blicken seines Bosses in die Küche.

 

„Sorry“, bring ich endlich raus und setz mich auf. Böser Fehler, sehr böser Fehler. Diesmal hindert mich Don allerdings nicht daran, nen Sprint ins Badezimmer zu starten.

 

Nachdem ich mir halb die Seele aus dem Leib gekotzt hab, sorry für die realistischen Worte, mach ich mich frisch. Das heißt ich spritz mir eiskaltes Wasser ins Gesicht. Beim Blick in den Spiegel schreck ich echt zusammen. Ich seh aus, wie ein Vampir der unter akuter Blutarmut leidet.

 

Doch der Zustand bleibt nicht lange so. Als ich zurück ins Wohnzimmer komm, steht Don vor mir. Na und? Denkt ihr jetzt sicher. Aber er trägt NUR NOCH BOXERSHORTS. Das Blut schießt mit Hochdruck an alle erdenklichen Stellen meines Körpers zurück. Wow, dort hatte ich auch einen Puls? Um den Anstand zu wahren, befehle ich meiner rechten Hand meine Augen zu bedecken. Ich mein, ich kenn Don ja schon ganz nackt, nur weiß er nicht, dass ich es weiß und ich denke, wenn er wüsste, dass ich es weiß, dann wär er sicher nicht sehr erfreut darüber.

 

„Also ehrlich Andy, du tust ja grad so, als hättest du noch nie nen Mann in Unterhosen gesehen“, sagt er im typischen Don-Grummel-Ton.

 

Ich heb meine Hände, „schuldig in alles Punkten der Anklage“, wenn er mir schon quasi anbietet, mich an seinem halbnackten Body zu ergötzen, wär ich ja blöd, nicht darauf einzusteigen.

 

„Ist das Bad jetzt frei? Ich brauch dringend ne Dusche. Colby holt mir schnell neue Sachen aus dem Büro, zum Glück hab ich da immer was in Reserve.“

 

Meint Ihr Don weiß was dieser Blick zu bedeuten hat? Immerhin hat der Mann gerade gesagt, er geht duschen. Soll ich ihn fragen, ob ich ihm den Rücken schrubben darf? Als Entschädigung für den halbverdauten Kaffee.

 

Plötzlich spür ich seine Hand schwer auf meiner Schulter, „hey Andy, sollen wir nen Arzt kommen lassen?“

 

Warum zum Geier glaubt der Mann immer ich brauch nen Arzt, wenn ich doch bloß am Sabbern bin.

 

„Ein Eimer tut es auch.“ Öhm, hab ich das jetzt echt laut gesagt?

 

„Ich mein natürlich, ich bin ein bisschen im Eimer, aber das geht schon“, korrigiere ich mich schnell.

 

Freundschaftlich drückt er kurz zu und verschwindet dann im Badezimmer. Ehrlich, es kostet mich meine letzten Reserven, mir nicht die Kleider vom Leib zu reißen und mich zu ihm in die Duschkabine zu werfen. Ich hab einen Schweißausbruch nach dem anderen. Meine Haut fängt an, wie wild zu jucken, wenn ich mir nicht gleich ne sinnvolle Beschäftigung such, mutiere ich wahrscheinlich zum Werwolf. Da kommt mir der rettende Gedanke! Ich kann ja die Sauerei wegmachen, die ich vorhin angestellt hab. Also hol ich mir erst mal besagten Eimer und füll ihn mit Wasser voll. In der Küche, Leute, in der Küche. Ich weiß, ihr hättet es lieber, wenn ich damit schnurstracks zu Don unter die Dusche marschiert wäre. Apropos Dusche. Wer kreischt sich da gerade die Lunge aus dem Leib? Ach du Scheiße, Don. Wenn ich mir hier in der Küche heißes Wasser hole, wird es drüben scheißkalt. Der arme Don. Sein Pillermann hat jetzt sicher die Größe einer Dörrpflaume.

 

Rasch dreh ich den Hahn zu, „entschuldige, bitteeeeeeeeeeeeeeeeee“, brüll ich.

 

Hat er jetzt tatsächlich „Leck mich am Arsch!“ gerufen? Oder nur „Wasser marsch“?

 

Ich zuck die Schultern und werf mich auf die Knie. Ganz schöne Sauerei. Naja was soll’s, Augen zu und durch.

 

Ich will gar nicht wissen, was Colby gedacht hat, als er zehn Minuten später kam und mich vor dem halbnackten Don knien sah. Ich schwöre, es war echt nix. Aber irgendwie ist mir meine Kontaktlinse rausgefallen, als Don, nur mit nem Handtuch um die Hüften um die Ecke kam. Das andere Auge hat just da angefangenen zu brennen und ich war nur noch blind, blinder geht’s net. Klar, dass ich da gleich in die Knie geh und nach meiner Linse such. Don scheint Adleraugen zu haben, immerhin gibt er mir Anweisungen, ohne sich zu bücken.

 

„Noch ein Stück weiter links, ja so ist es gut. Nein, warte zu weit. Ein kleines bisschen zurück, ja, ja genau da, spürst du es?“

 

Colby gibt der Tür nen Tritt und sie fällt geräuschvoll ins Schloss.

 

„Darf man mitspielen?“ fragt er lakonisch.

 

„Wenn’s sein muss“, brummel ich, ohne zu registrieren, das alles was er sieht, mein Kopf in Dons, naja ihr wisst schon, und dabei komisch hin und her wackelt, weil ich grad dabei bin, mir die Linse wieder ins Auge zu fummeln.

 

„Endlich, jetzt isse drinnen“, stöhn ich erleichtert auf und erheb mich. Ich blinzle ein paar Mal und plötzlich fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren.

 

Ich denke so dunkelrot war ich noch nie in meinem Leben. Meine Blicke schießen zwischen nem dreckig grinsenden Colby und nem gleich explodierenden Don hin und her. Ich seh förmlich den Dampf aus seinen Ohren schießen. Gleich fängt er an zu pfeifen. Wie ein Teekessel.

 

„Wärst du bitte so nett mir die Klamotten zu geben“, presst Don zwischen den Zähnen hervor und streckt die Hand nach der braunen Tüte in Colbys Hand aus. Die Selbstbeherrschung in Person, Hut ab. Schon will ich danach greifen.

 

„Danke Andy, ich bin alt genug, ich kann das ganz ohne deine Hilfe, am Ende geht das Ding noch in Flammen auf, oder weiß Gott was“, Don ist echt in Bombenstimmung. Er reißt die Tüte an sich und verschwindet im Schlafzimmer.

 

„Hey Andy“, sagt Colby unvermittelt, „ich denke, so scheiße ist dein Tag dann doch nicht geworden, oder?“

 

Zaghaft heb ich meinen Kopf, das Lachen kann ich mir kaum noch verbeißen und als ich Colbys Grinsekatzengesicht seh, ist es auch um mich endgültig geschehen.