Chapter 2

 

Ich sitz jetzt in so einem Dingsda, in einem Glasdingens. Weiß net, wie ich sagen soll, jedenfalls komm ich mir vor wie Nemo im Aquarium. Agent Eppes is mir mal eben nen Kaffee holen gegangen, trink ja normalerweise keinen, aber wenn er mir den schon serviert. Ich sitz hier also und komm mir so ungefähr vor wie die Maus auf dem Mars. Die Wirkung vom Alkohol ist schon fast verflogen, aber irgendwie bin ich noch ein bisschen zugekifft. Hihi, wie das klingt, bisschen zugekifft.

 

„Na, es scheint Ihnen ja schon besser zu gehen.“

 

Mein Kopf fährt hoch, meine Mundwinkel nach unten. Bin ich eben wirklich mit nem dämlichen Grinsen dagesessen? Ich sollte meine Gesichtsmuskulatur besser unter Kontrolle haben.

 

„Hier bitteschön, mit Milch und ganz wenig Zucker“, Eppes serviert den Kaffee sooooo nett.

 

„Hör auf ihn so dämlich anzustarren!“ faucht meine innere Stimme, „das is ja nicht der Ötzi auf Welttournee!“

 

Agent Eppes nimmt gegenüber von mir Platz. Ganz lässig, rittlings auf einem der Stühle und versucht mich mal einzuschätzen. Denk ich. Sein Blick ist so ganz FBI, aber nicht ungut. Außerdem hat er tolle Augen. Ich nipp vorsichtig an meinem Kaffee und guck ihn über den Rand des Pappbechers an.

 

„Wie geht’s eigentlich Manny?“ fragt er unvermittelt und ich erstick beinahe am Kaffee. Manny ist mein Dad. Manny Merlin, alleine dafür hätt ich meine Eltern, glaub ich, erschossen.

 

Ich zucke die Schultern und antworte wahrheitsgemäß, „weiß nicht. Is schon ne halbe Ewigkeit her, dass wir uns gesehen haben. Er hat’s nicht so mit Familie.“

 

„Oh, `tschuldigung“, meint Eppes und scheint peinlich berührt.

 

„Hey, nun machen sie mal bloß kein Drama draus, Agent. Woher sollen sie wissen, dass mein Dad ein Arsch … ähem, alles andere als ein Familienmensch ist?“ sag ich und zwinkere ihm zu, „der Kaffee ist übrigens echt lecker.“

 

Wieder schenkt er mir sein tolles Lächeln, „freut mich. Sie können mich übrigens Don nennen.“

 

Zum Glück hab ich jetzt nix im Mund gehabt, weil meine Kinnlade klappt runter, „ddd … danke, Andy.“

 

„Ich weiß. Manny hat sehr oft von dir gesprochen. Er ist mächtig stolz auf dich. Du bist in der Computerbranche, nicht wahr?“

 

Ich versuche krampfhaft, den Kaffee nicht quer über den Tisch und in Dons Gesicht zu spucken.

 

„Kann man so sagen“, antworte ich verhalten im O-Ton.

 

Eigentlich hacke ich mit Vorliebe kleinere Firmennetzwerke und deck Betrügereien auf bzw. Sicherheitslücken. Dann geh ich damit zu den Inhabern und … wenn ich Glück hab krieg ich Kohle für mein Stillschweigen und wenn ich Pech hab, hetzen sie mir die Security auf den Hals. Und da man davon nicht wirklich pünktlich Rechnungen bezahlen kann, jobbe ich noch im Computershop an der Figueroa. Nachdenklich nippe ich an meinem Kaffee und hoffe, der liebe Don möge dieses Thema nicht wirklich vertiefen. Es wird still in dem Aquarium, sorry, aber so umgeben von Glaswänden, kann ich nicht anders. Ich wart jede Sekunde darauf, dass es zu plätschern anfängt und das Ding sich mit Wasser füllt.

 

Plötzlich ändert sich etwas an Dons Verhalten. Was genau es ist kann ich nicht sagen, vielleicht wird der Blick seiner tollen braunen Augen härter, oder … Keine Ahnung, jedenfalls signalisiert er mir, Smalltalk ist vorbei. Und tatsächlich …

 

„Würde es dir etwas ausmachen, mir zu erzählen, was genau passiert ist? Und wenn wir gerade dabei sind, darf ich es mitschneiden?“

 

Als wäre er ein Meister der Magie, lässt er ein Diktiergerät, scheinbar aus dem Nichts, erscheinen und legt es zwischen uns auf den Tisch.

 

Ich stelle meinen halbleeren Becher zur Seite und nicke ihm kurz zu.

 

Er stellt das Gerät an, nennt seinen Dienstgrad, Namen und die Uhrzeit, dann noch meinen Namen und worum es geht.

 

Also lehne ich mich nach vor und fang an zu erzählen, „ich denk mal, sie wissen, dass meine Freunde und ich nicht zum Pilze suchen im Valley waren. Wir haben Geburtstag gefeiert und zwar meinen. Damit verbunden waren jede Menge Alkohol und der eine oder andere Joint.“

 

„Stop“, er sagt es nicht nur, sondern drückt auch die entsprechende Taste auf dem kleinen Gerät. „So sehr ins Details musst du nicht gehen Andy“, Dons Lächeln bringt mich noch um den Verstand.

 

Ich zucke die Schultern, „okay, ich wollt nur ehrlich sein. Deinem geschulten Auge sind meine erweiterten Pupillen sicher nicht entgangen, es hätte also keinen Sinn dir was vorzumachen.“

 

Er grinst und spult das Tape zu der Stelle zurück, bevor ich angefangen hab zu brabbeln. Diesmal lass ich Drogen und Alkohol außen vor und erzähl ihm gleich von den furchtbaren Morden. Erhellt wurde das Szenario von den Abblendlichtern der drei herumstehenden Fahrzeuge. Obwohl er eigentlich ein abgebrühter Fed sein müsste, kommt es mir so vor, als würde er bei meinen Schilderungen ein paar Mal unmerklich zusammenzucken. Ich sag auch, dass es kein Problem für mich wäre, die Kerle zu identifizieren. Noch während ich meine Aussage mache, schickt er ein Team zu der Stelle, die ich ihm beschreibe. So vergeht zirka eine dreiviertel Stunde.

 

Plötzlich reißt jemand die Tür des Aquariums auf.

 

Don dreht sich um, „hey Colby.“ Dann wendet er sich an wieder an mich, „Andy, das ich Agent Colby Granger. Ich hab mir erlaubt ihn bei deinem Apartment vorbeizuschicken.“

 

Dann dreht er sich wieder um und mir dreht sich auch alles, weil Granger genauso schnuckelig ist wie Don und ich mich so langsam frage, ob das FBI hier wo ein Labor hat, wo sie solche Schnuckis züchten.

 

Colbys markante Gesichtslinien verhärten sich, „Don. Miss Merlin, sie können auf keinen Fall mehr zurück in ihr Apartment. Die Typen haben Kleinholz daraus gemacht und anschließend sogar versucht es abzufackeln. Gott sei Dank hat ihre Nachbarin, Miss Graham, rasch reagiert und die Feuerwehr gerufen. Viel retten konnten die allerdings auch nicht mehr.“

 

Ich schlucke. Wenn Ihr jetzt nen coolen Spruch von mir erwartet, muss ich Euch enttäuschen, sie fangen an, mir auszugehen.

 

„Ich könnt bei meiner Mom übernachten“, schlag ich naiv vor, „oder bei Freunden von mir.“

 

„Der sicherste Ort für dich, ist hier“, stellt Don trocken fest, „deine Mom haben wir schon unter Bewachung gestellt. Die Russen werden alles tun, um an dich ranzukommen. Nichts ist denen heilig. Nicht wahr?“ Er sieht hoch zu Colby.

 

Der nickt und guckt dabei so grimmig, dass man sich glatt fürchten könnte, „ich bin schon dabei, eine sichere Unterkunft für sie beide zu finden.“ Dann ist er auch schon weg.

 

Gott sei Dank. Meinen letzten Freund hab ich ungefähr vor einem Jahr abserviert, seitdem ist mein Liebesleben ungefähr so aufregend verlaufen, wie ein Abend vor der Glotze, an dem ich vor lauter Langeweile versuche, mir die Zehennägel abzukauen. Nun so einer doppelten, geballten Ladung Testosteron gegenüberzusitzen, ist ganz schön viel. Hätt ich nen Herzfehler, würde Don bereits über mir knien und versuchen mich wiederzubeleben. Oder lieber Colby? Mann, ich kann mich nicht wirklich entscheiden. Liegt auch vielleicht daran, dass ich mit einem Mal ganz doll müde bin. Nanu? Hat Don mir etwa Rohypnol in den Kaffee getan? Ich reiß meinen Mund auf, wie ein Raubtier bei der Fütterung, und gähn herzhaft.

 

„Leider kann ich dir im Moment nur eine Couch anbieten“, vor dem Mann kann ich auch gar nix verbergen! Kann der Gedankenlesen? Bitte nicht, sonst weiß er bestimmt schon, wie notgeil ich bin!

 

Ich rappel mich auf und er führt mich in eines der geräumigen Büros. Ich zieh meine Jacke aus, knüll sie auf ein Behelfskissen zusammen, nehm aber vorher noch meinen iPod raus.

 

„Hier kannst du dich ein wenig ausruhen, es ist nicht das Ritz, aber …“

 

„Don, glaub mir, ich hab schon an schlimmeren Orten geschlafen“, versichere ich ihm, mach es mir bequem, stöpsel mir die Ohren zu und lausche den Klängen von Usher.

 

Er lächelt noch mal zum Abschied, löscht das Licht und schließt die Tür. Ich hätte mir keinen schöneren Anblick vorstellen können, um gemächlich in Morpheus Armen zu entschlafen. Das letzte Mal, dass ich mich so sicher und beschützt gefühlt hab, war wohl als Embryo in Moms Bauch.

 

Es ist das dritte Mal in dieser Nacht, dass mich Don glücklich gemacht hat. Kraftvoll stützt er sich mit seinen Händen ab und lächelt mich an. Schweißperlen haben sich auf seiner Stirn und seiner Oberlippe gebildet. Verspielt streich ich ihm durch sein kurzes dunkles Haar.

 

„Danke, dass du mich so glücklich machst“, flüstere ich.

 

Zärtlich stupst er meine Nase mit seiner und rollt von mir herunter. Ich drehe meinen Kopf zur Seite. Das Kaminfeuer wirft bizarr tanzende Schatten an die Wände. Dons makelloses Profil zeichnet sich gegen den orangefarbenen Lichtschein ab. Ich versuche, mir soviele Details wie möglich einzuprägen. Irgendwann treffen sich unsere Blicke und bleiben aneinander hängen.

 

„Andy Merlin, hör bloß auf, mich so anzustarren“, feixt er und knufft mich zärtlich in die Seite, „gönn einem alten Mann mal ne Pause, hm?“

 

„Es tut mir leid, aber du hast mich Donniefiziert und es gibt keinen Weg mehr zurück. Ich bin dir mit Haut und Haar verfallen“, flüstere ich und hab dabei einen dicken Kloß in meinem Hals. Den hab ich immer, wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein. Es ist schrecklich, ich kann nicht einfach glücklich sein, ohne daran denken zu müssen, dass dieses Glück eines Tages ein Ende haben könnte … Bin eben beziehungsgeschädigt, kein Wunder bei den Eltern …

 

Tränen schießen mir in die Augen. Mein Kinn fängt unmerklich an zu zittern. Doch schon ist Don zur Stelle und zieht mich in seine starken Arme, hält mich minutenlang einfach nur fest.

 

Dann legt er seinen abgewinkelten Zeigefinger unter mein Kinn und zwingt mich mit sanfter Gewalt ihn anzusehen.

 

Zuerst küsst er meine Tränen fort, dann meint er mit heiserer Stimme, „du brauchst keine Angst haben Andy. Ich bin hier und ich werde dich beschützen.“

 

Bevor ich noch etwas erwidern kann, versiegelt er meine Lippen mit seinen und rollt sich auf mich. Kurz darauf verschmelzen unsere Körper erneut miteinander. Er reißt mich mit sich in den Sog der Leidenschaft. Ich fühle wie das Feuer, dass er tief in mir drinnen entfacht hat, mich zu verschlingen droht. Gemeinsam reisen wir zu den Sternen und zurück. Er zeigt mir Orte an denen ich noch nie gewesen bin. Gefühle, von denen ich nicht gewusst habe, sie überhaupt empfinden zu können. Und dann, mit einem einzigen kräftigen Stoß, bringt er uns über den Rand des Abgrundes hinaus und ich kann fühlen, wie wir ins Bodenlose stürzen. Aber ich habe keine Angst, denn ich weiß: Don ist bei mir und er wird mich auffangen und festhalten.

 

Langsam öffne ich die Augen. Ich brauche einige Augenblicke, um mich zu orientieren. Dann weiß ich es wieder. Ich liege auf einer Couch, in einem Büro des FBI. „Moving Mountains“ von Usher dudelt es aus den Ear-Plugs des iPods. Kitschiger geht’s wohl nimmer. Ich hab immer noch das Gefühl Dons Gewicht auf meinen Körper zu spüren. Sein Aftershave zu riechen. Als ich an mir herunter sehe, bemerke ich, dass mich jemand zugedeckt hat. Ich zieh die Decke ein wenig nach oben und tatsächlich, Dons Aftershave. Anscheinend war er zwischendurch mal hier drinnen. Hoffentlich hab ich im Schlaf nicht gestöhnt und seinen Namen gerufen?! Die Hitze schießt mir ins Gesicht. Ich seh mich um, hab schon Angst, er würde hier in der Dunkelheit sitzen und mich beobachten. Fehlanzeige. Ich bin ganz allein mit meinen heißen Träumen und dem nicht enden wollenden Pochen zwischen meinen Beinen. Manche Träume können echt verstörend sein … Trotzdem schließe ich noch einmal meine Augen …

 

I lost my way, she said she'd stay

And lately I've been sleeping with a ghost

My stock is down and out, I used to be worth my weight in gold

That was before the great depression kicked in and rocked us

And that was before the huricane came, came in and stopped us.

I told you to leave, but you lied to me

When you said that, baby no worries I promise to get us back

I know sorries, just wouldn't do it,

Her Heart is obliterated, I'm trying to travel through

But it's like moving mountains...

It's like moving mountains...