Chapter 1

 

OK, an und für sich sind Ausflüge ja was Tolles. Außer … man wird ausgerechnet dann Zeuge eines Verbrechens. Tja, wem soll sowas schon passieren, werdet ihr Euch jetzt fragen. Na mir! Ehrlich. Wer ich bin? Sorry, hab mich vergessen vorzustellen. Mein Name ist Andy Merlin. Keine doofen Witze über meinen Familiennamen, ICH KENN SIE ALLE! Eigentlich ist mein Leben bis zu meinem dreiundzwanzigsten Geburtstag sowas von unspektakulär verlaufen, dass ich schon beim darüber nachdenken einschlafe. GÄHN, sorry. Meine Mom arbeitet als Kellnerin in nem Diner und mein Dad? Der versucht nach wie vor mit einer Karriere als Drehbuchautor in Hollywood durchzustarten. Ich glaub ich hab ihn das letzte Mal vor vier Jahren gesehen, da erzählte er mir was von seinem kommenden Durchbruch. Den hatte er dann auch tatsächlich kurz darauf, nur betraf er seinen Blinddarm. Gut möglich, dass er sich mittlerweile als JLo’s Nippeldreher verdingt oder so. Scharfe Bräute und Brüste hatten schon immer eine faszinierende Anziehungskraft auf ihn, jedenfalls hat mir das Mom öfter, als mir lieber war, erzählt.

 

Zurück zu meinem eigentlichen Problem. Ich bin also vor ein paar Stunden mit Jasper und noch ein paar Leuten ins Valley gefahren, zum Zelten. Wir haben da ne tolle Stelle ausgekundschaftet und wollten mal so richtig abrocken. Klar hatten wir jede Menge Hochprozentiges dabei und natürlich auch ein bisschen Gras. Nona, wenn ich schon mal die Sau raus lasse, dann ordentlich. Irgendwann verlangte die Natur ihr Recht und ich hab mich von unserer Meute entfernt. Zu einem Teil schwamm mein Gehirn bereits in Alkohol, während der andere Teil damit beschäftigt war, mich nicht auf die Schnauze fallen zu lassen. Scheiße, warum muss es in der Nacht nur so dunkel sein? Na gut, ich mach’s mir gerade „gemütlich“ – wir Mädels haben’s da ein wenig schwerer als die Jungs. Denen isses egal, wo sie ihren Dschungeltarzan würgen. Mir isses net egal, auch wenn ich schon alles doppelt seh und mich sogar bei einem Baum entschuldige, als ich dagegen laufe. Weiter im Kontext. Ich lass es also gerade mal so laufen, da hör ich plötzlich jemanden hysterisch Kreischen. Beinahe hätte ich das Gleichgewicht verloren, na das hätt ne Sauerei gegeben … Zuerst denk ich mir das ist sicher Melody, die mal wieder verzweifelt um „ihre Unschuld“ kämpft. Den Tick hat sie jedes Mals nach dem zweiten Joint, dabei wurde sie schon mit zwölf entjungfert. Somit ist das genau zwölf Jahre her.

 

Ich zieh mir also die Hose rauf und versuch, trotz meines Silberblickes etwas zu erkennen. Und dann passiert es. Ich stolpere so vor mich hin durchs Dickicht und plötzlich legt es mich der Länge nach auf die Schnauze. Na toll. Ich wollt schon immer mal den Waldboden küssen. Wieder hör ich einen Schrei und hektische Männerstimmen. Also wenn meine Freunde nicht plötzlich zu Russen mutiert sind, dann scheint hier echt die Kacke am Dampfen zu sein. Woher ich weiß, dass die Russisch reden? Unsere Nachbarn waren welche. Immer Party, immer Vodka und Kaviar. Das hier war zweifelsohne alles andere als ne Party und anstatt Vodka würde hier gleich Blut in Strömen fließen. Ich wünschte mein Blick wär nicht mit einem Mal so klar geworden und ich hätte nicht mit ansehen müssen, wie sie den Mann und die Frau brutal abgeschlachtet haben.

 

Ich mein ich guck SAW und THE HILLS HAVE EYES und so’n Zeugs. Aber alles in Echtzeit miterleben zu müssen, übertrifft diese Filme noch um Längen. Irgendwie konnte ich auch nicht meine Augen schließen, ich war wie gelähmt. Jedenfalls bis zu einem gewissen Punkt. Nämlich dem, an dem ich anfing, mir mein Abendessen erneut durch den Kopf gehen zu lassen. Ich musste weg und zwar schnell. Sich die Seele vorm russischen Mob aus dem Leib zu kotzen, macht sicher keinen schlanken Fuß. Also hab ich meine Beine in die Hand genommen und bin gelaufen, was das Zeug hält. Leider hab ich dabei meine Geldbörse samt Ausweis verloren. Quasi ne Einladung für die Jungs aus Moskau zum trauten Ringelpietz mit anfassen bei mir daheim. Das hab ich wieder toll hinbekommen!

 

Und das ist auch der Grund weshalb ich jetzt hier sitze, am ganzen Körper schlottere und verzweifelt auf meinen Ritter in schimmernder Rüstung warte. Is natürlich Quatsch. Mein Dad hatte in den Anfängen seiner „Karriere“ irgendwie so ne Story mit FBI und so am Hut. Da hat er Kontakt zum FBI Field Office in LA aufgenommen und naja … Ich trag noch immer ein Foto von Dad bei mir, das ihn in besseren Zeiten zeigt und hinten drauf hat er mir die Telefonnummer von einem Agent Don Eppes gegriffelt, nur für den Fall eben, dass ich … irgendwie in der Scheiße sitzen würde. Dad, wenn du wüsstest … Ich richte meinen Blick gen Himmel. Klaro weiß ich, dass Dad noch unter den Lebenden weilt, aber trotzdem dank ich DEM DA OBEN für diesen außerordentlichen Zufall.

 

Jetzt sitz ich also hier, bibbere mir einen Ast und warte auf einen gelackten Kerl, mit einer Tonne Pomade im Haar und Mr. Smith-Sonnenbrillen – ich liebe Matrix. Bei jedem Auto, das mit quietschenden Reifen um die Ecke kommt, zucke ich zusammen, als hätte ich mir nen Peitschenhieb eingefangen. Ausgerechnet heute scheinen viele Leute ihren Spaß daran zu haben, Gummi zu geben. Vorhin hab ich noch Jasper und die anderen angerufen und ihnen gesagt, sie sollten sich schleunigst aus dem Staub machen, wenn sie demnächst nicht die Hauptrolle in CSI spielen wollen. Ich fang an, auf und ab zu laufen. Mensch, mir ist arschkalt, derweil hat es doch eh so um die zwanzig Grad. Mann, was gäbe ich jetzt für nen Joint. Ich ertappe mich dabei, wie ich in meiner Hosentasche wühle, „Andy“, ermahne ich mich, „lass den Scheiß.“ Wenn ich Mister Pomade zugekifft gegenübertrete, kann ich mich auch gleich vor den nächsten Zug werfen. Endlos lange Sekunden, werden zu noch endlos längeren Minuten. Plötzlich nähert sich mir ein ziemlich großes Fahrzeug. Fein, der Mob. Ich bin geliefert. Die haben da oben sicher irgend nen Spionagesatelliten herumhibbeln, der mich jetzt ausspioniert hat. Vielleicht wegen meinem Handy? Quatsch, ich hab doch Prepaid und das …

 

Der Wagen hält, die Tür geht auf, ich bin geliefert. Meine Augen werden so groß, das sie mir wahrscheinlich gleich aus dem Kopf fallen. Menno, wegen den scheiß Scheinwerfern kann ich so gut wie nix erkennen. Ne Silhouette kommt auf mich zu. Mein Herzschlag ist auf dem besten Weg zu einem Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde.

 

„Miss Merlin?“ fragt eine männliche Stimme, „hallo, sind sie Miss Andy Merlin?“

 

Der Mann kommt näher. Wieder bin ich die Gefangene meiner eigenen Panik. Ich komm nicht vom Fleck, geschweige denn kann ich meinem Mund befehlen, PIEP zu sagen.

 

Der Typ schält sich aus der Dunkelheit und aus Panik wird WOW!

 

„Agent, Agent Eppes?“ hake ich mit ein wenig zu hoher Stimme nach.

 

Er nickt und streckt mir die Hand entgegen.

 

Und ich streck mich gleich nieder. Mann, sieht der Kerl fantastisch aus. Ich weiß nicht, ob ich vor lauter Freude in die Knie gehen soll oder vor lauter: Mein Gott ist der Typ geil.

 

Meine, noch nicht in Östrogen ersoffene, Gehirnhälfte übernimmt die Führung, oder versucht es zumindest. Ich schnapp seine Hand, als wäre es einer der Rettungsringe der Titanic.

 

„Danke Sir, dass sie gekommen sind. Ich hab wirklich nicht gewusst, wohin ich mich wenden …“

 

Er schenkt mir ein Lächeln. Lieg ich tot im Wald und bin schon auf dem Weg ins Jenseits? Weil auf einmal sehe ich seinen wunderschönen Kopf erhellt von einem Heiligenschein. Ach Menno, du Dussel, dass ist der Scheinwerfer.

 

Irgendwie schafft es Mister Wonderful, ähm Agent Eppes, sich meinem Griff zu entziehen und meint, „am besten, wir steigen erst einmal in den Wagen und fahren zu ihnen nach Hause.“

 

Nein, das hat er nicht gesagt, er hat gesagt, INS BÜRO, wir fahren ins BÜRO. Ganz Gentleman hält er mir natürlich die Tür auf. Zum Glück bin ich ein bisschen sportlich, sonst hätte ich mit meinen knapp 1,62 m erheblich Probleme gehabt in den schwarzen SUV zu klettern. Ich beobachte Agent Eppes mit Argusaugen. In Zeitlupe sehe ich ihn den Wagen umrunden und einsteigen.

 

„Ist alles in Ordnung mit ihnen? Wollen sie vielleicht in ein Krankenhaus?“ fragt er besorgt, als er den Zündschlüssel umdreht und der Motor aufheult.

 

Ins Krankenhaus? Was? Wieso? Bin ich denn schon am sabbern? Ich lecke mir kurz über die Lippen. Da die die Konsistenz von Schmirgelpapier haben, war wohl nichts mit sabbern.

 

„Nein, danke Sir. Es geht schon. Es ist nur … es war alles …“

 

Au Backe, Hochwasseralarm! Fang jetzt bloß nicht zum heulen an, Andy! Der Kloß in meinem Hals hat inzwischen die Größe eines Volleyballes angenommen. Ohne Vorwarnung öffnen sich die Schleusen und ich lass alles heraus. Ich hoff wir müssen nachher nicht den Wagen auspumpen, wenn wir am Wilshire Boulevard ankommen. Das ist mir ja sowas von peinlich, echt. Irgendwoher zaubert der wundervolle Agent Eppes ein Taschentuch und ich schnauf kräftig rein.

 

„Geht’s wieder?“ hakt er besorgt nach, als wir an einer roten Ampel halten. Scheinbar instinktiv wirft er zuerst einen Blick in den Rückspiegel und dann zu mir.

 

„Danke Agent Eppes“, ich mach noch mal einen auf Benjamin Blümchen. Dann knüll ich das Taschentuch zusammen und versuch meine Fassung wieder zu finden.

 

„Wenn sie wollen kann ich einen Psychologen kommen lassen?“

 

„Bloß nicht“, schnappe ich wütender als beabsichtigt. Ich schlucke hart, „Entschuldigung, aber als die Ehe meiner Eltern in die Brüche ging, hat meine Mom so ziemlich jeden Shrink in der näheren Umgebung abgegrast, weil sie Angst hätte, ich könnt nen schaden davontragen. Hatten sie schon mal ein Gespräch mit nem Shrink? Ich frag mich, wer da den größeren Schaden hat.“

 

Ich scheine bei ihm offene Türen einzurennen, denn er schenkt mir ein verständnisvolles Lächeln. Bitte mehr davon Agent Eppes, viel mehr. Ich hab echt was an der Waffel, ich mein, ich bin grad mal so dem Tod von der Schippe gesprungen und jetzt sitz ich hier im Wagen mit einem Fed und flirte offensichtlich auf Teufel komm raus mit ihm. Naja, ich würde es halt gern. Mann, konnten die kein hässlicheres Exemplar schicken? Würde er aussehen, wie Quasimodo bräuchte ich mir weder über meine Körperflüssigkeiten noch über meinen blöden Mund Sorgen zu machen. Der brabbelt nur allzu gerne Dinge laut aus … die besser ungesagt bleiben würden.

 

Ja spinn ich? Jetzt tätschelt er mir auch noch den Oberschenkel. Klar meint er es beruhigend. Er hat ja keine Ahnung, wie mein Körper darauf reagiert. Anstatt mich zu beruhigen schrillen laute Alarmglocken in meinem Gehirn und zwischen meinen Beinen. Toll, endlich werden die Spinnweben von dort weggerüttelt.

 

„Ehrlich Miss Merlin, egal was sie brauchen, ich kann es ihnen besorgen.“

 

Nein, nein, nein. Er hat nicht gesagt, dass er es mir besorgen kann, er hat gesagt, er kann mir helfen.

 

Zum Glück hält er den Wagen gerade eben auf dem Parkplatz vor dem riesigen Gebäude. Ich glaube aus dem Wagen war ich noch schneller draußen, als aus dem Wald.