Kapitel 2

Er schreckte auf und sah müde aus den zusammengekniffenen Augen. Vor ihm stand sein Bruder Don und hatte gerade eine Decke über ihn legen wollen. 'Hey... was machst du denn hier?' Charlie wollte etwas antworten, bekam aber erstmal einen kräftigen Hustenanfall. 'Oh man! Das hört sich aber gar nicht gut an.' Don legte seine flache Hand auf die Stirn seines jüngeren Bruders. 'Dad hat mir schon erzählt, dass du krank bist. Und wie's ausschaut hat sich da auch nichts dran geändert.' 'Quatsch!' Charlie räusperte sich. 'Das ist nur 'ne kleine Erkältung. Dad übertreibt mal wieder.' Er machte dabei eine abwertende Handbewegung und wollte aufstehen. Doch als er sich an der Sofalehne abstütze und seinen Körper ein wenig anhob, wurde ihm schwindlig und er ließ sich wieder zurückfallen. 'Ja klar! Dir geht's richtig gut.' Don nahm die Decke und legte sie seinem Bruder um die Schultern. 'So... und jetzt gehen wir wieder ins Haus und du legst dich in dein Bett!' Er machte eine kleine Pause. 'Was wolltest du eigentlich hier?' Doch als er sich seinen Bruder genau ansah, wußte er, dass er momentan wahrscheinlich keine Antwort bekommen würde. Charlie saß vornübergebeugt und in sich zusammengesunken auf der Couch, fest in die Decke gehüllt und sah zudem noch aus als würde er jeden Moment losspeien müssen. Don schnappte sich seinen Bruder und ging auf der Stelle mit ihm ins Haus.

Im Haus angekommen brachte Don Charlie erstmal zur Couch. Und schon war auch ihr Vater zur Stelle. 'Charlie!' Er sah seinen Jüngsten besorgt an. 'Junge... du siehst ja fürchterlich aus.' Er warf einen Blick zu Don. 'Es reicht! Nachher ruf' ich Doc Franklin an.' Er setzte zusammen mit Don den Jüngsten der Eppes auf's Sofa. 'Aber jetzt legst du dich hin! Und hier bleibst du! Du rührst dich nicht von der Stelle!' Als keine Widerrede kam meinte er 'Verstanden?' Charlie nickte nur.

Es ging ihm wirklich mies. Er wollte einfach nur noch in Ruhe gelassen werden. Aber da waren sein Vater und sein Bruder, die ihn gerade die ganze Zeit über anfassten und auf ihn einredeten. Er hatte zwar nicht alles verstanden, aber er glaubte gehört zu haben, dass sein Vater von Doc Franklin sprach. Ausgerechnet Dr. Franklin. Dieser war seit je her der Arzt der Familie und hatte ihn und Don schon als Babys behandelt. Und irgendwie war der etwas schrullige alte Mann wohl immer noch der Meinung, dass Don und Charlie immer noch diese kleinen Kinder wären. Schon wenn er mit einem sprach... Charlie schüttelte es. Er mochte da gar nicht daran denken. Er legte sich wortlos auf die Couch, drehte sich zur Seite und schlief von der einen auf die nächste Sekunde ein.

Als er das nächste Mal die Augen öffnete schien Licht durch die zugezogenen Vorhänge und er hörte Stimmen. Er brauchte jedoch erstmal einen Moment um sich überhaupt zurecht zu finden. Wieso lag er im Wohnzimmer auf der Couch? Er überlegte kurz. Und dann fiel es ihm dank seines dröhnenden Schädels wieder ein. Er war krank und sein Vater hatte ihn heute Nacht zusammen mit Don hierhin verfrachtet. Und schon überkam ihn ein Hustenanfall.

'Hey Charlie!' Sein Vater kam mit einem Glas, dessen Inhalt sehr nach Orangensaft aussah, ins Wohnzimmer. 'Hier!' Er stellte es vor Charlie auf den Tisch. 'Trink das!' Charlie aber schüttelte nur ganz leicht den Kopf, als sich sein Husten besserte. 'Wie fühlst du dich?' Alan langte mit seiner Hand an die Stirn seines Sohnes. 'Du hast immer noch Fieber.' Charlie krächzte. 'Mir geht's schon besser.' 'Charlie...' Der Blick seines Vaters sprach mehr als tausend Worte und forderten ihn wortlos auf die Wahrheit zu sagen. 'Ok... ich fühl' mich mies' gab Charlie kleinlaut zu. 'Ich hatte heute morgen schon Doc Franklin angerufen. Er kommt später vorbei.' 'Dad...' Charlie mochte den Doktor irgendwie nicht so... zumindest nicht, wenn er krank war. Charlie kannte den Arzt nun seitdem er auf der Welt war und als Kind fand er ihn auch richtig klasse. Der Mann hatte immer Lollis oder ein kleines Spielzeug für ihn gehabt. Darüber freut sich jedes Kind. Das Problem war nur, dass Charlie immer älter wurde, doch der Arzt ihn immer noch wie ein Kind behandelte. Nach jeder Untersuchung gab es einen Lutscher oder ein kleines Spielzeugauto. Charlie erinnerte sich gerade an den letzten Arztbesuch. Er hatte sich den Knöchel verstaucht und Doc Franklin hatte ihn behandelt. Zum Abschied täschelte der betagte Mann Charlie's Kopf und meinte 'Du bist aber ein braver Junge' und drückte Charlie einen Lolli in die Hand. Das mochte ja auch alles ganz lieb gemeint sein oder wie auch immer, aber es machte Charlie irgendwie wahnsinnig.

'Charlie?' Er schreckte auf. 'Mh?' 'Hast du gehört, was ich gesagt habe?' Er war so in seine Gedanken vertieft gewesen... 'Ähm... ja... ja klar! Du hast Doc Franklin angerufen.' Sein Vater sah ihn einen Moment lang prüfend an. 'Vielleicht solltest du dich wieder schlafen legen!' Charlie jedoch schüttelte den Kopf und bereute es im nächstem Moment auch schon wieder. Er verzog das Gesicht, als der Schmerz ihm wie ein Blitz durch den Kopf schoss. 'Nei...Nein. Ich bin nicht müde.' Er schlug die Decke beiseite, setzte sich auf und stütze sich an der Sofalehne ab. Er schwankte einen kurzen Moment, sein Vater wollte schon nach ihm greifen, doch dann ging es. 'Was hast du vor?' Alan sah seinen Jüngsten fragend und leicht irritiert an. 'Ähm...' er schluckte schwer 'Ich werd' arbeiten gehen.' 'Arbeiten?' Alan sah ihn entrüstet an. 'Charlie! Du bist krank!' Er stand auf und packte seinen Sohn am Arm. 'Du wirst heute nicht arbeiten! Du kannst ja noch nicht einmal gerade aus den Augen schauen.' Er packte Charlie's Arm etwas fester, als dieser sich losmachen wollte. 'Nein Charlie! Du wirst hierbleiben!' Er machte eine kurze Pause. 'Wenn du unbedingt willst kann ich dir ja ein paar deiner Bücher bringen. Aber nur, wenn du dich jetzt wieder hinlegst!' Die Blicke von Vater und Sohn trafen sich, Charlie schien zu überlegen und nach ein paar Sekunden nickte er kaum merklich mit dem Kopf. 'Ok... ' sagte er, tapste die paar Schritte zurück zur Couch und ließ sich dort wieder fallen. Alan hatte erreicht was er wollte. Sein Sohn lag endlich wieder auf dem Sofa. Er verstand nicht, wieso Charlie noch nicht einmal dann abschalten konnte, wenn es wirklich nicht mehr ging. Aber das klappte schon nicht, als er noch ein kleines Kind war. Er war immer in Bewegung. Selbst wenn er ganz schlimm erkältet war. Er konnte einfach nicht von den Zahlen loslassen.