Chapter 7

 

Charlie saß auf seinem Bett und betrachtete fasziniert den Inhalt der kleinen Schachtel, als Don mit zwei Flaschen Bier in der Hand neben ihm Platz nahm.

 

„Hier und trink nicht alles auf einmal“, grinste Don.

 

Sie prosteten sich zu, jeder machte einen Schluck, dann stellten sie die Flaschen zurück auf den Nachttisch.

 

„Hier, was hältst du davon?“ Charlie drehte die Schachtel, damit Don einen Blick auf den Ring werfen konnte. Sein Bruder nickte anerkennend.

 

„Der ist fantastisch. Ich bin ganz gerührt“, Don schniefte theatralisch, „zuerst willst du die Scheidung und nun hältst du doch um meine Hand an? Wärst du kein Mann, würde ich dir auf der Stelle um den Hals fallen.“

 

Charlie schluckte, „bitte Don. Das ist eine ernste Sache. Könntest du aufhören, Witze darüber zu reißen?“

 

„Du willst dich tatsächlich mit mir …?“

 

„Don?!“

 

„Schon gut Charlie, ich finde den Ring wunderschön und ich denke an Amitas Finger wird er noch um einiges heller strahlen. Wann hast du vor, sie zu fragen?“

 

Sein kleiner Bruder verzog das Gesicht, als hätte er ihm sein Lieblingsspielzeug geklaut, „das ist das Problem, ich hab keine Ahnung. Der Ring liegt seit drei Wochen in der Schublade.“

 

„Wie bitte? Das darf doch nicht wahr sein. Auf was wartest du? Auf eine neue Eiszeit?“ Don war ehrlich fassungslos.

 

„Du hast ja keine Ahnung, wie schwer das ist, den richtigen Zeitpunkt zu finden und jetzt auch noch die Sache mit dem Professor …“

 

Don nahm einen Schluck aus der Flasche, „Charlie, das sind Ausreden. Vor zwei Wochen hast du noch nichts von Wisnjenko gewusst und es gab auch sonst keinen Fall, bei dem ich deine Hilfe gebraucht hätte.“

 

„Ich weiß“, murmelte Charlie resigniert, „ich hab bloß keine Ahnung, wie ich es anstellen soll.“

 

„Vielleicht ein romantisches Dinner zu zweit in einem überteuerten französischen Restaurant?“ schlug Don vor.

 

„Das ist so gar nicht mein Stil. Außerdem, du weißt genau, wie solche Dinner zwischen Amita und mir Enden, wir reden ausschließlich über den Job.“ Charlie stieß einen herzzerreißenden Seufzer aus.

 

„Ich hasse solche Lokale auch. Lade sie doch einfach hierher ein, da hast du Heimvorteil. Und wenn sie erstmal den Ring sieht, wird sie an alles Mögliche denken, aber sicher nicht an die Arbeit“, sagte Don.

 

Charlie schien auch von diesem Vorschlag nicht gerade begeistert zu sein. Er starrte auf den Ring, als wäre er ein feindlicher Spion. Konnte es sein, dass er anfing, das ganze zu bereuen. Beinahe kam es ihm so vor. Er liebte Amita, daran bestand kein Zweifel, aber war er wirklich schon bereit, den letzten Schritt zu gehen? War sie es?

 

„Was mache ich, wenn sie nein sagt? Sie will ja noch nicht einmal mit mir zusammen ziehen.“ Er sah aus wie ein geprügelter Hund.

 

Don bekam Mitleid mit seinem Bruder, „weißt du, vielleicht solltest du über dieses Thema mit Dad reden. Mich um einen Rat in Beziehungsdingen zu fragen, ist ungefähr so, als würde man versuchen einem Veganer über die Vorzüge eines T-Bone-Steaks zu befragen.“

 

„Kann es sein, dass ein Fluch auf uns Eppes Männern liegt, wenn es um Frauen geht?“ fragte Charlie.

 

„Meinst du, weil Dad mit Milly zusammen ist?“ griente Don.

 

Charlie winkte ab, „quatsch, die beiden verhalten sich wie gleichpolige Magnete. Sie stoßen sich zwar ab, trotzdem finden sie sich anziehend.“

 

Don hätte sich ob Charlies Aussage beinahe verschluckt, „der Vergleich rockt Kleiner, ehrlich.“ Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und drückte Charlie die andere Flasche in die Hand, „hier mach mal einen kräftigen Schluck.“

 

Charlie starrte skeptisch auf das Etikett der Flasche, als fände er dort die Lösung für sein „Problem“. Aber er musste zugeben, dass ihm jetzt, da er endlich jemandem von seinem Vorhaben erzählt hatte, leichter ums Herz war.

 

„Weißt du, ich käm mir ganz schön blöde vor, wenn ich Dad um Rat fragen würde“, gestand Charlie.

 

„Wobei um Rat fragen?“

 

Amita stand so unvermittelt vor ihnen, dass Charlie vor lauter Schock die kleine schwarze Schachtel mit einer lässigen Handbewegung nach hinten warf.

 

„Hallo Amita“, er schenkte ihr sein breitestes Lächeln.

 

„Hi“, sagte Don knapp und nuckelte verlegen an seiner Bierflasche.

 

„Sagt bloß, ich hab Euch gerade bei was Wichtigem gestört. Ich kann auch wieder gehen, wenn ihr wollt. Hast du schon wieder einen neuen Fall?“

 

Don stand auf, „nein, eigentlich war ich gerade dabei zu gehen, nicht wahr Charlie?“

 

Sein kleiner Bruder verfiel zusehends. „Aber …“

 

„Bis nachher“, Don zwinkerte ihm aufmunternd zu und schob sich an Amita vorbei.

 

„Aber Don, das kannst du doch nicht machen“, rief Charlie im verzweifelt hinter her.

 

Amita war irritiert, da sie sich keinen Reim darauf machen konnte, was hier zum Teufel vor sich ging. Also zuckte sie die Schulter und setzte sich neben Charlie. Er sah einfach entzückend aus, wenn er so hilflos dreinblickte. Sie strich mit ihrer Hand zärtlich über seine Wange und gab ihm einen spontanen Kuss auf den Mund, den er zögernd erwiderte.

 

„Alles in Ordnung mit dir?“ fragte sie besorgt und musterte ihn, „die Sache mit dem Professor hat dich anscheinend sehr mitgenommen, nicht wahr?“

 

Er nickte geistesabwesend und ihre Blicke verhakten sich ineinander. Er schlucke und wollte gerade etwas sagen, doch sie kam ihm zuvor.

 

„Was hast du eigentlich vorhin über deine Schulter geworfen?“

 

Uh, erwischt.

 

„Nichts“, tat er unschuldig.

 

Er konnte in ihren Augen sehen, dass sie ihm nicht glaubte.

 

„Wirklich“, versuchte er sie zu überzeugen.

 

Aber er hielt ihrem prüfenden Blick nicht stand. Sie drehte sich um und machte Anstalten, sich umzudrehen und danach zu sehen.

 

„Bitte“, er hielt ihren Arm fest.

 

„Charlie, was soll das?“ ihre wunderschönen Augen verdunkelten sich gefährlich.

 

Sein Kopf stand kurz davor zu explodieren, so pochte das Blut in seinen Schläfen.

 

„Bitte Amita, es ist nichts“, versuchte er es erneut.

 

„Schön, wenn du es sagst“, ihre Stimme klang eingeschnappt.

 

„Ich freu mich, dass du da bist“, seine Stimme gehorchte ihm nicht so richtig.

 

„Eine merkwürdige Art, mir das zu zeigen“, meinte sie.

 

Stille. Ihr Blick schweifte immer wieder zum anderen Ende des Bettes. Lange würde seine Nerven das nicht mehr mitmachen. Das sie einfach nur da saß und ihn anstarrte, brachte ihn um den Verstand. Er fühlte sich schmerzlich an seinen Traum erinnert.

 

„Weißt du, ich hatte vorhin einen total irren Traum“, versuchte er das Eis zu brechen, „es ging um den Professor. In meinem Traum machte er illegale Experimente an Menschen und …“

 

„Charlie, ich kenn dich, wenn du anfängst zu brabbeln wie ein Wasserfall, dann hast du entweder eine geniale Idee oder ein wirklich schlechtes Gewissen. Diesmal tippe ich auf letzteres.“

 

Musste das sein? Musste Amita in ihm lesen, wie in einem offenen Buch? Er schloss kurz seine Augen und atmete tief durch.

 

„In Ordnung, wahrscheinlich soll es so sein.“

 

Er stand auf, ging um das Bett herum und hob die kleine Schachtel auf. Dabei drehte er Amita den Rücken zu und sah nach, ob alles noch an seinem Platz war. Okay. Amita beobachtete ihren Freund gespannt, so aufgewühlt hatte sie in zuletzt gesehen, als Don ihm die Nachricht vom Tod des Professors überbracht hatte.

 

Charlie ging zurück zu ihr. Er schien unschlüssig. War das jetzt der richtige Moment? Hier in seinem Zimmer, zwischen einem Haufen Wäsche, einer Flasche Bier, mitten auf seinem Bett? Gab es eine Regel, wann es denn der richtige Moment war? Nein, er schluckte. Dann fasste er sich ein Herz und ging vor Amita in die Knie. Das war wohl das dämlichste, was er je getan hatte, ging es ihm durch den Kopf. Er klappte die Schachtel hinter seinem Rücken auf.

 

„Charlie was …“ fragte sie mit feuchten Augen.

 

Er zog seine Hand nach vorne und brachte die Schachtel samt ihrem wertvollen Inhalt auf Amitas Augenhöhe.

 

„Amita Ramanujan willst du meine Frau werden?“ Wow, er hatte es ohne Stottern über seine Lippen gebracht.

 

Fassungslos starrte sie zuerst auf den Ring und dann auf Charlie. Der Damm brach. Unter Tränen schlang sie ihre Arme um seinen Hals und sagte, „ja Charlie, ich will.“

 

Als sie noch etwas sagen wollte, setzte er sich neben sie und versiegelte ihre Lippen mit einem verheißungsvollen Kuss.

 

THE END