Chapter 6

 

Während Don und Alan mit dem Abwasch beschäftigt waren, zog sich Charlie nach oben in sein Zimmer zurück. Seine Laune hatte sich auch während des Abendessens nicht gebessert. Während sich Don und Alan angeregt über Alans neues Bauprojekt unterhielten, hatte er es vorgezogen zu schweigen. Und den Song „I know it’s you“ von „The Chrystal Method“ würde er mit Sicherheit von seinem iPod löschen. Oben angekommen, ging Charlie zur Kommode am Fenster und öffnete die oberste Schublade. Er nahm eine kleine schwarze Samtschatulle heraus und öffnete sie behutsam. Ein Platinring, besetzt mit einem wunderschönen Diamanten funkelte ihm entgegen. Nicht einmal dieser Anblick entlockte ihm ein Lächeln.

 

Im Gegenteil. Der Ring lag jetzt schon seit 3 Wochen in der Schublade anstatt an Amitas Ringfinger zu glänzen. Er hatte es immer noch nicht übers Herz gebracht, um ihre Hand anzuhalten. Nachdenklich nagte er an seiner Oberlippe. Woran das wohl liegen mochte, dass er diese alles entscheidende Frage so vor sich herschob? Vielleicht, weil der passende Moment noch nicht gekommen war? Vielleicht, weil Amita nach wie vor noch immer nicht bei ihm eingezogen war? Oder vielleicht schlicht und einfach deshalb, weil er Angst davor hatte, eine Abfuhr zu kassieren?

 

So sehr er den Umgang mit mathematischen Formeln, Algorithmen und dergleichen liebte, so unfähig war er doch, wenn es darum ging, die richtigen Worte zu finden.

 

„Soll ich dir beim Sockensortieren helfen?“ hörte er Don hinter seinem Rücken sagen.

 

Erschrocken ließ Charlie die kleine Schachtel in die Schublade fallen und knallte sie zu. Viel zu rasch wandte er sich um und versuchte zu Lächeln. Mehr als ein schiefes Grinsen wurde es dann aber doch nicht.

 

„Nicht nötig, ich bin schon damit fertig.“

 

„Darf ich reinkommen?“ fragte Don ein wenig besorgt um das Wohlergehen seines kleinen Bruders.

 

„Ja, klar“, Charlie verfrachtete den Haufen frisch gewaschener, ungebügelter Wäsche vom Bett auf den Schreibtisch.

 

Don schüttelte lächelnd den Kopf, „sollte die nicht schon längst gebügelt im Kasten liegen? Vom ewigen hin und her räumen wird sie sicher nicht glatt.“

 

Charlie zuckte die Schultern, erwiderte jedoch nichts.

 

„Was ist denn bloß mit dir los?“ hakte Don nach, „du warst schon während des Abendessens ausgesprochen still. Dad hat mir von deinem kleinen Malheur mit der Couch erzählt“, er grinste, „zu schade, dass ich es nicht gesehen habe, ich denke ich hätte mich schlappgelacht.“

 

„Typisch Dad, kann mal wieder nichts für sich behalten“, grummelte Charlie und verzog das Gesicht.

 

„Was hast du denn recherchiert?“ wollte Don wissen.

 

Charlie zuckte erneut die Schultern, „nichts bestimmtes, nur dies und jenes. Eigentlich weiß ich es selbst nicht so genau.“

 

Don konnte sehen, dass seine Fragen Unbehagen bei seinem Bruder auslösten.

 

„Dich beschäftigt doch irgendwas, komm schon Charlie, raus damit.“

 

Charlie schluckte und warf einen verzweifelten Blick an die Decke. Nur langsam begann er zu erzählen.

 

„Ich hatte diesen total verrückten Traum von Prof. Wisnjenko. Ich war in seinem Institut. Er wollte einige Ergebnisse meiner Cognitiven Emergenz Theorie mit mir durchgehen. Kurz darauf hat man mich sinnloses Zeug brabbelnd in seiner Seitenstraße aufgegriffen. Man hat mich in eine psychiatrische Anstalt gebracht und in eine Zwangsjacke gesteckt. Irgendwie ging es um illegale Versuche an Menschen und was weiß ich und vor mir waren auch schon Leute in dem Institut und einer nach dem anderen ist gestorben. Später haben sie mich dann an ein Bett gefesselt und Amita war da und du und Colby und…“

 

Don hob Einhalt gebietend die Hand, „wow, ich denke, da wär ich auch echt verstört. Du hast dir doch nicht wieder diese Chilibohnen reingezogen?“

 

Charlie schüttelte den Kopf, „nein. Ich denke, irgendwie komm ich mit der Tatsache nicht klar, dass wir den Professor nicht retten konnten. Ich meine, Hazelwood hatte uns sechzig Stunden Zeit gegeben. Zusammen mit Larry und Amita haben wir fieberhaft an den Berechnungen gearbeitet, um ihn zu finden. Wir haben Hazelwoods Bewegungsmuster immer wieder durch den Hochleistungsrechner der Uni gejagt. Und am Ende, hat es doch nicht gereicht.“

 

Charlie warf verstörte Blicke auf Dons bandagierten linken Unterarm, „ihr hättet alle draufgehen können. Sie dir deine Hand an! Zwei Männer vom SWAT-Team sind tot, zwei weitere schwer verletzt!“ Er stand kurz davor in Tränen auszubrechen.

 

Don stand auf und legte beruhigend eine Hand auf Charlies Schulter, „ich hab es dir nach der Schießerei gesagt und ich sage es dir noch einmal: dich trifft absolut keine Schuld, hörst du! Megan meinte, Hazelwood hatte sowieso nie vor gehabt den Professor am Leben zu lassen. Die Autopsie läuft gerade und ich denke, sie wird ergeben, dass Wisnjenko schon länger tot war.“

 

Charlie hob seinen Kopf, seine Augen waren tränenverhangen. „Und weshalb dann dieses Ultimatum mit den 60 Stunden? Ich kapier das nicht.“

 

„Hazelwood wollte uns damit seine Regeln aufzwingen. Er demonstrierte uns damit seine Herrschaft über Leben und Tod. Colby sagte, er möchte gar nicht wissen, was seinem ehemaligen Kameraden während der langen Gefangenschaft in Afghanistan wiederfahren ist. Jedenfalls müssen es grauenhafte Dinge gewesen sein, denn sie haben einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Er wurde zu einem unkalkulierbaren Risiko für sich und seine Mitmenschen.“

 

Charlie lachte verbittert auf, „du sagst es unkalkulierbar. Meine Berechnungen beruhen auf Fakten und Daten. Larry hat mich auch schon des Öfteren darauf hingewiesen, dass der Faktor Mensch stets Risiken mit sich bringt, die nicht zu berechnen sind. Ich erinnere mich nur allzugut an den Banküberfall. Auch hier war ich viel zu selbstverliebt in meine Arbeit. Es hat einen deiner Leute das Leben gekostet.“ Wieder glitt sein Blick auf Dons Verband. Der zog daraufhin seinen Arm zurück.

 

„Was wenn du aufgrund meiner Berechnungen einmal da raus gehst und nicht mehr wiederkommst? Ich will das nicht Don, ich will das alles nicht mehr“, Charlies Stimme wurde zu einem Krächzen, verzweifelt wandte er seinem älteren Bruder den Rücken zu.

 

Don hob die Hand und wollte ihn berühren, doch er entschied sich dagegen, „Charlie, mein Beruf bringt nun einmal ein hohes Potential an Risiko mit sich. Das hat absolut nichts mit dir oder deinen Formeln zu tun. Das musst du mir glauben. Im Gegenteil, du hast uns schon sooft geholfen. Manche Dinge wären ohne deine Hilfe gar nicht möglich gewesen.“

 

„Aber dieses Mal hab ich total daneben gelegen“, begehrte Charlie auf, „ich hab Hazelwood unterschätzt. Ich hab die örtlichen Gegebenheiten unterschätzt, ich hab ….“

 

„Hör sofort auf damit“, fuhr Don ihn an, „das ist Schwachsinn! Ich hatte die Einsatzleitung. Auch ohne deine Informationen hätte ich es nicht anders gemacht. Im Gegenteil, ohne deine Hilfe wären wahrscheinlich noch mehr Leute draufgegangen.“

 

Charlie machte einen Schritt zum Fenster und sah hinaus, „danke, dass du mich von jeglicher Schuld frei sprichst“, sagte er kaum hörbar, „aber vielleicht habe ich meine Grenzen erreicht. Vielleicht sollte ich mich wieder auf meine ursprüngliche Tätigkeit an der CalSci besinnen …“

 

Don kostete es große Mühe Charlie nicht an den Schultern zu packen, ihn zu rütteln und anzubrüllen „das kann doch wohl nicht dein Ernst sein? Wir sind ein eingespieltes Team. Ich …. Ich brauche dich Charlie. Okay, wir waren nicht immer einer Meinung, aber das waren wir schon als Kinder nicht. Und das ist auch gut so. Manchmal sind wir wie Feuer und Eis. Manchmal brabbelst du unverständliches Zeug, manchmal benehme ich mich wie ein Vollidiot und manchmal könnt ich dir echt eine reinhauen. Verdammt noch mal Charlie, aber genau das sind die Dinge, die mir das Gefühl geben mit dir und deiner Arbeit verbunden zu sein. Das macht eine gute Partnerschaft aus. Ich brauch jemanden auf den ich mich verlassen kann. Und du kannst nicht immer Recht haben, niemand kann das. Findest du nicht?“

 

Schweigen. Charlie starrte weiter zum Fenster hinaus. Don fühlte sich heillos überfordert. Er machte eine hilflose Geste. Seine Stimme klang rau.

 

„Ich … Es tut mir leid. Es steht mir nicht zu dich zu bedrängen, oder dir vorzuschreiben, was du zu tun hast. Falls du mit mir reden willst … du weißt wo du mich findest … unten vor dem Fernseher. Ich brauch jetzt erst mal ein Bier.“ Er wandte sich zum gehen.

 

„Don!“ sagte Charlie unvermittelt, „mir tut es leid. Ich denke, ich hätte schon früher mit dir reden sollen. Ich hätte nicht warten sollen, bis mir die ganze Sache über den Kopf wächst … Würde es dir was ausmachen, noch ein wenig zu bleiben? Ich meine, du kannst uns gern Bier holen, aber … aber es gibt da eine Sache, die ich dir zeigen möchte und von der ich bisher noch niemandem erzählt habe.“

 

Er öffnete die Schublade und nahm die kleine Samtschatulle heraus während Don bereits auf halben Weg nach unten war und rief, „ich bin gleich wieder zurück.“