Chapter 5

Charlie stand am Rande einer Klippe. Tief unter ihm rauschte das Meer. Ein heftiger Sturm zog auf. Er sah die geballte Wolkenfront, die sich von Osten her näherte. Der Wind wurde zunehmend stärker und zerrte an seinen dunklen Locken und seiner Kleidung. Am Horizont zuckten Blitze auf, begleitet von Donnergrollen. Immer wieder schweiften seine Blicke in die Tiefe.

 

Ungestüm brachen die Wellen an den scharfkantigen Felsvorsprüngen, die zu ungefähr einem Drittel aus dem Wasser ragten. Alles in allem ein beeindruckendes Naturschauspiel. Aber, wie war er eigentlich hierhergekommen und wo war HIER? Die gleichen Fragen wie zuvor in dieser großen, mit Menschen vollgepackten, Halle. Er sah sich um. Suchte nach vertrauten Eindrücken und Gesichtern. Nichts. Er war allein.

 

Wieder wurden seine Blicke magisch nach unten gezogen. Fasziniert beobachtete er die Gischt. Er meinte sogar ein paar Wassertropfen auf seinem Gesicht zu spüren. Augenblicklich verwandelte sich das Szenario unter ihm in komplexe mathematische Formeln. Seine Gedanken verselbständigten sich und irgendwann ertappte er sich dabei, wie er seine eigene Fallgeschwindigkeit aus dieser Höhe berechnete.

 

Er grinste. Nein, man brauchte kein mathematisches Genie zu sein, um zu wissen, dass man den Sturz auf keinen Fall überleben würde. Und was wenn einen der Sturm aufs Meer hinaustrug? Diese Annahme war mehr als absurd. Trotzdem versuchte Charlie es zu berechnen. Er bückte sich, hob einen großen Kiesel vom Boden auf und warf ihn hinaus aufs Meer. Beinahe hätte er dabei sein Gleichgewicht verloren. Wirklich, noch einmal Glück gehabt.

 

Was aber, wenn er sich jetzt einfach fallen lassen würde? Niemand war da, der ihn daran hindern konnte. Don würde sicher nicht in der allerletzten Sekunde auftauchen und ihn zurückziehen. Wie fühlte man sich so im freien Fall? War man da frei? Hatte man Angst vor dem Tod? Sah man tatsächlich sein ganzes Leben vor seinem geistigen Auge ablaufen?

 

Das Gefühl des freien Falles konnte er ja auch einmal bei einem Fallschirmsprung testen. Don hatte ihm dieses zweifelhafte Vergnügen zum letzten Geburtstag geschenkt. Was schon eine ganze Weile her war. Bis heute hatte Charlie keinen Gebrauch davon gemacht. Nicht, dass er Angst davor hätte. Doch er hatte Angst davor.

 

Immer häufiger zuckten Blitze vom Himmel, das Donnergrollen wurde lauter. Der Wind verwandelte sich in einen Sturm. „Charlie, du solltest endlich damit anfangen, verrückte Dinge in deinem Leben zu tun“, sagte eine innere Stimme. Okay, da war was dran. Sein Leben verlief in viel zu geordneten Bahnen. Naja, außer er arbeitete mit Don an einem Fall. Da konnte es schon passieren, dass nicht alles so lief, wie er es mit seinen Formeln und Algorithmen berechnet hatte.

 

Er brauchte da nur an den Banküberfall denken, oder den Selbstmord des genialen Architekturstudenten, den er von Anfang an für Mord gehalten hatte. Wieder falsch gelegen. „Ja Charlie, wenn man es recht bedenkt, hast du schon viel Mist in deinem Leben gebaut. Und hätten Don und du nicht Schutzengel, die Überstunden schoben, würdet ihr schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilen“, sagte seine innere Stimme, „also dann, du weißt, was du zu tun hast.“

 

Er machte einen kleinen Schritt nach vor. Seine rechte Schuhspitze lugte über den Rand der Klippe hinaus. „Komm schon, das ist doch ganz einfach. Nur noch ein einziger Schritt“, stachelte ihn die Stimme an. Schon hob er den linken Fuß und ehe er noch einmal darüber nachdenken konnte, wurde er von einer Sturmbö erfasst und in die Tiefe gerissen. Verzweifelt ruderte er mit Händen.

 

Da war nichts, weder schoss sein Leben wie ein Film an ihm vorbei, noch fühlte er sich schwerelos. Alles was er fühlte, war Angst, panische Angst. Die Felskanten näherten sich mit rasender Geschwindigkeit. Dann der Aufprall. Er wurde dunkel um ihn herum. Stille. „I know it’s you!“ “Nein, nicht schon wieder”, stöhnte Charlie innerlich auf.

 

Langsam öffnete er die Augen und schnappte erst einmal nach Luft. Er lag auf dem Boden neben der Couch im Wohnzimmer.

 

Alan stand gerade in der Küche und bereitete das Abendessen zu, als er einen Schrei und kurz darauf dumpfes Poltern von nebenan vernahm. Sofort ließ er alles liegen und stehen und eilte ins Wohnzimmer. Sein erster Blick fiel auf die Couch, doch die war leer. Alan bückte sich und sah unter den Tisch.

 

„Charlie?“ grinste er verschmitzt, „was treibst du denn da?“

 

Charlie rappelte sich auf und riss sich die Kopfhörer aus den Ohren, „wonach sieht’s denn aus?“ schnappte er.

 

„Ich betreibe Nachforschungen für Don.“

 

Alan nickte grinsend von einem Ohr zum anderen, „natürlich, auf unserem Teppichboden im Wohnzimmer. Ich verstehe. Hätte ich gewusst, dass sich das FBI für das gute Stück interessiert, hätte ich vorher noch gesaugt.“

 

Charlie wandte ihm demonstrativ den Rücken zu und tat beschäftigt. Er klappte sein Notebook zusammen und warf es auf den Fauteuil. Mann war das peinlich. Außerdem machte ihm sein verrückter Traum ganz schön zu schaffen.

 

Die Eingangstür öffnete sich und Don kam herein. „Guten Abend allerseits.“ Er schnupperte, „das riecht verdammt gut.“

 

„Hallo Donnie“, grüßte Alan knapp und dann an Charlie gewandt, „wenn du damit fertig bist, den wilden Mann zu markieren, dann kannst du dich ebenfalls an den Esstisch setzen“, damit verschwand er in die Küche.

 

Don blickte irritiert zwischen seinem Bruder und seinem Vater hin und her, „wer markiert hier den wilden Mann?“

 

„Vergiss es“, murmelte Charlie und wuselte durch seine Locken, dann nahm er am Esstisch Platz.

 

„Wie du meinst“, sagte Don und folgte ihm.