Chapter 4

 

Sie stiegen in den Wagen und Colby startete den Motor.

 

„Nichtsdestotrotz will ich einen Durchsuchungsbefehl für dieses Labor", sagte Don und schluckte, „ich weiß nicht was ich von diesem Typen halten soll. Manche Haustiere sind auch harmlos, bis sie eines Tages überschnappen und ihre Besitzer attackieren.“

 

Megan machte es sich auf dem Rücksitz bequem. „Wenn wir im Büro sind, nehm ich mir gleich die Liste mit den Richtern vor, ich bin sicher, wir finden jemanden, der sich noch heute darum kümmert.“

 

Don nickte. „Könnten wir vielleicht noch einen Zwischenstopp bei der Klinik einlegen? Ich will nach Charlie sehen.“

 

„Kein Problem“, antwortete Colby und setzte den Blinker.

 

Um diese Uhrzeit waren die Gänge der psychiatrischen Abteilung gespenstisch leer. Eine kaputte Neonröhre flackerte und warf bizarr tanzende Schatten an die Wand.

 

„Kingdom Hospital“, stellte Megan trocken fest.

 

Ihre Schritte hallten in der Stille.

 

„Da war es ja bei Ultramind Technologies direkt heimelig“, Colby fasste sich an den Kragen und lockerte seine Krawatte.

 

Plötzlich schoss eine Gestalt um die Ecke. „Ich bringe euch alle um. Ich bringe euch alle um!“ kreischte der Mann hysterisch und lief auf die drei zu.

 

Don und Colby stellten sich schützend vor Megan, bereit einen etwaigen Angriff abzuwehren. Doch das war nicht nötig. Ein Pfleger eilte bereits herbei und verpasste dem Patienten mit einem Taser eine 50.000 Volt Ladung.

 

Zuckend ging der Mann zu Boden. Augenblicklich kamen noch zwei weitere Pfleger dazu und hoben den Mann auf. Der Typ mit dem Taser warf einen bedauernden Blick auf Don, Colby und Megan.

 

„Entschuldigen sie bitte, Rodney hat uns mal wieder ausgetrickst und seine Medikamente nicht genommen. Sind sie in Ordnung?“

 

Die Agenten nickten.

 

„Wo wollen sie übrigens hin? Die Besuchszeit ist doch schon lange zu Ende?“

 

Don zückte seinen Ausweis, „FBI. Don Eppes und das sind die Agents Reeves und Colby. Ich wollte nach meinem Bruder sehen. Er befindet sich in der Obhut von Dr. Bowers.“

 

Der Pfleger nickte und bat sie, ihm zu folgen.

 

Sie gingen durch mehrere verglaste Doppeltüren. Im letzten Abschnitt herrschte reger Betrieb.

 

„Dr. Bowers‘ Zimmer befindet sich gleich da vorne links“, sagte der Pfleger und verabschiedete sich.

 

Der Arzt saß an seinem Schreibtisch und studierte offensichtlich Patientenakten. Don klopfte leise.

 

Bowers hob seinen Kopf, „ah Agent Eppes. Er warf einen Blick an ihm vorbei und sah neugierig zu Don’s Kollegen.

 

„Agent Reeves und Agent Colby. Wir kommen gerade von Ultramind. Leider haben wir nichts herausgefunden, was ihnen weiterhelfen könnte. Der Chef der Forschungsabteilung, Dr. Wisnjenko hat versprochen, alles in seiner Macht stehende zu tun, um sie zu Unterstützen.“

 

Bowers runzelte die Stirn.

 

„Sie vertrauen diesem Kerl? Schließlich könnte er die Wurzel allen Übels sein.“

 

„Nennen sie mir eine andere Option“, entgegnete Don, „im Moment tappen wir alle im dunklen. Ich gedenke nach jedem Strohhalm zu greifen, der sich mir bietet.“

 

„Da muss ich ihnen zwangsläufig Recht geben“, seufzte Bowers, nahm die Brille von der Nase und rieb sich seine müden Augen, „übrigens, ich habe eine kleine Erfolgsmeldung zu berichten. Josef Wise befindet sich im Moment auf dem Weg der Besserung. Wir haben die Medikation ein wenig umgestellt und es scheint zu wirken.“

 

Don nickte anerkennend. Noch war es zu früh, um in frenetischen Jubel auszubrechen.

 

„Wenn sie mir Dr. Wisnjenkos Telefonnummer geben könnten, dann kann ich mich mit ihm in Verbindung setzen und alles Nötige veranlassen, Agent Eppes.“

 

„Kümmere dich bitte darum Megan“, bat Don, „wo finde ich meinen Bruder? Ich hab gesehen, dass die Zelle leer ist.“

 

„Wir haben ihn auf die Beobachtungsstation verlegt. Sie gehen bei der Tür hinaus, den Gang nach links und gleich wieder rechts, sie können es unmöglich verfehlen“, Bowers schenkte Megan ein freundliches Lächeln und nickte Don und Colby kurz zu.

 

„Ich kann hier warten, wenn du willst“, schlug Colby ihm vor.

 

Don schüttelte den Kopf, „ehrlich gesagt, bin ich über ein wenig „Rückendeckung“ froh.“

 

Eine Krankenschwester war gerade an Charlies Bett, als sie eintraten. Sie überprüfte seine Vitalfunktionen anhand der Apparaturen und wechselte den Infusionsbeutel.

 

Don schloss kurz die Augen, er hatte einen Flashback und für den Bruchteil einer Sekunde, sah er seine Mutter in dem Bett liegen. Beim Hinausgehen blieb die Schwester neben ihnen stehen.

 

„Er hatte vor kurzem wieder einen Krampfanfall. Dr. Bowers hat die Dosis des Sedativums erhöht. Aber reden sie trotzdem mit ihm, er kann es hören, da bin ich ganz sicher.“ Sie sah ihn aufmunternd an und ging.

 

Colby konnte Dons Anspannung fühlen und auch welche Mühe es ihm kostete auf das Bett zuzugehen. In einer hilflosen Geste, drückte er kurz dessen Schulter, als sie neben Charlie standen. „Hi Charlie. Wie geht es dir?“ Dons Stimme versagte. Er räusperte sich. Es war eine befremdliche und angsteinflößende Situation, die Hände seines Bruders an ein Bett gefesselt zu sehen. Ausgerechnet Charlie, der Friedfertigere von ihnen beiden. Derjenige, der normalerweise nicht einmal einer Fliege was zuleide tun konnte.

 

Don hob seine rechte Hand, noch in der Luft ballte er die Hand zur Faust und hielt inne. Colby warf ihm einen besorgten Blick. Er sah Tränen in den Augen seines Freundes glitzern. Welchen Kampf mochte er gerade mit sich ausfechten? Am liebsten hätte sich Don umgedreht und wäre davongelaufen. Er wusste, wie man Verbrecher zur Strecke bringt, wie er mit einer Waffe umgehen musste, wie man einen Tatort absichert. Aber das hier? Das war etwas ganz anderes. Er starrte in Charlies Gesicht und hoffte im Stillen, sein Bruder würde einfach die Augen öffnen und alles wäre wieder gut.

 

Nur so funktionierte das nicht, nicht dieses Mal. Er war froh, das Colby nur einfach neben ihm stand und kein Wort sagte. Don schluckte und löste sich aus seiner Erstarrung. Langsam beugte er sich nach vor und legte seinem Bruder die Hand auf die Schulter. Ganz vorsichtig, als hätte er Angst ihm weh zu tun.

 

„Es, es tut mir leid, was mit dir passiert ist“, sagte er mit tränenerstickter Stimme, „aber ich verspreche dir, ich tu was ich kann. Du bist nicht allein Charlie, kannst du mich hören? Du bist nicht allein. Ich finde den Bastard, der dir das angetan hat und dann Gnade ihm Gott!“

 

Sanft zog er seine Hand zurück und richtete sich wieder auf. Er sog hörbar Atem ein und schluckte seinen Tränen herunter. Megan, die vor ein paar Minuten ins Zimmer gekommen war, stand abseits und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Colby kam ihr vor, wie der Fels in der Brandung. Der Gedanke war irgendwie beruhigend und ließ ein Lächeln über ihre Lippen huschen.

 

„Bis nachher kleiner Bruder“, sagte er halblaut und ging nach draußen.

 

Colby und Megan tauschten besorgte Blicke.

 

„Ich hab Don noch nie so erlebt“, gestand Megan.

 

„Ich auch noch nicht“, entgegnete Colby und drückte kurz Charlies Hand, „wir sehen uns Kumpel“, dann ging auch er.

 

„Bis bald Charlie“, sagte Megan und folgte ihrem Kollegen nach draußen.

 

Don lehnte draußen an der Wand, stütze sich dabei mit einem Fuß ab und zählte die Lamellen des Lüftungsschachtes. Er musste einfach etwas tun, um sich abzulenken. Als Colby und Megan sich zu ihm gesellten, beendete er es abrupt.

 

Er kniff mit Daumen und Zeigefinger seine Nasenwurzel, dann sah er zu den beiden.

 

„Danke fürs mitkommen.“

 

„Gern geschehen Don“, sagte Megan, „und jetzt fahren wir ins Büro und kümmern uns um den Durchsuchungsbefehl.“